"Jetzt geht`s los": Ein Stadtteil sucht seine Chance
Der 8.Oktober 2001 leitete ein neues Kapitel in der Chronik des Stadtteils Hackenbroich ein. "Noch sind wir auf einem schwierigen Weg und wir wissen nicht wie weit wir am Ende kommen werden", erklärt Ulrich Burow vom Stadtteilverein.
Doch schon jetzt ist festzustellen, dass Hackenbroich auf einem besseren Weg ist und die Bürger und Bürgerinnen langsam erleben, welche Chance den dort lebenden Menschen geboten wird.
Der damalige Bundesminister für Verkehr, Bauen und Wohnen, Kurt Bodewig, machte den Bürgern Mut, sich gegen den drohenden Verfall ihres Stadtteils zu wehren und aktiv Mißständen zu begegnen. Dabei stellte er auch finanzielle Hilfe in Aussicht, wenn die Stadt ihren Teil in die neue Partnerschaft mit einbringe.
Die Stadt, an ihrer Spitze Bürgermeister Reinhard Hauschild, und der Rat der Stadt Dormagen legten mit dem Grundsatzbeschluß vom 20.12.2001 die Basis für einen erfolgversprechenden Förderantrag an das MWSK des Landes NRW.
Karl Jasper, zuständig für das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" in NRW, war sichtlich beindruckt vom Engagement der Hackenbroicher. Er motivierte die Zuhörer und informierte umfassend, auch über die Probleme in anderen Stadtteilprojekten.
Bei seinem Rundgang durch das verwilderte Waldgelände hinter dem Bürgerhaus und das Plattenbauviertel mit Besichtigung der Neckarstr. 8, einem Punkthochhaus mit dringendem Erneuerungsbedarf, wurde der Sanierungsbedarf sowohl städtebaulich wie sozialarbeiterisch deutlich.
Mit Bewilligungsbescheid 2002 wurde Hackenbroich anerkannter Stadtteil, einer unter 35 in ganz NRW. 100.000 Euro als Anschubfinanzierung waren die Grundlage für die Realisierung der ersten Maßnahmen der Starterprojekte, wie Bürgermeile, Bürgerbüro und Internet.
Im 2. Jahr waren es schon 300.000 Euro und jetzt stehen 600.000 Euro immer plus 30% Eigenanteil der Stadt für den Erneuerungsprozeß zur Verfügung.
Ob die Mittel, insbesondere die, die für städtebauliche Erneurungsprojekte in den Förderantrag eingestellt wurden, auch sinnvoll eingesetzt werden können oder wieder ans Land zurück fließen, hängt von den Eigentümern der einzelnen WEG`s ab. Sie müssen mindestens 50 % der Sanierungskosten selbst tragen, Geld, dass nicht jeder aus der Portokasse bezahlen kann. Dennoch muss jedem klar sein, dass er um Sanierungsmaßnahmen auf Dauer nicht herumkommen wird und später die Gesamtkosten alleine schultern muss.
Gebietscharakter und Ausgangslage
Dormagen-Hackenbroich ist ein durch die Salm-Reifferscheidt-Allee in zwei gegensätzliche Viertel getrennter Stadtteil, einen eher dörflichen und einen mehr von Hochhausbauten geprägten. Begrenzt wird der Stadtteil im Norden durch die K 18, die Autobahn A 57 und das BAYER-Werksgelände und im südlichen Bereich von der Stadtgrenze zu Köln. Köln Chorweiler liegt nur 15 km entfernt. Über den ÖPNV ist Hackenbroich an das Stadtgebiet Dormagen angebunden. Etwa 8500 Einwohner leben dort, der Anteil der ausländischen Bevölkerung insbesondere in Hackenbroich-Süd liegt weit über dem der anderen Stadtteile bei ca. 40% (Gesamtbevölkerung) und ca. 53% (0-21-jährige).
Die in den 60er/70er Jahren entstandene Hochhausbebauung war eng mit dem Bedarf der BAYER-Chemie an Arbeitskräften gekoppelt. Sie wirkt wie ein Fremdkörper in einer ländlichen, von großen Waldflächen umgebenen Landschaft. Die ersten Mieter kamen vorwiegend aus dem Ruhrgebiet, ein Problem der Vermietbarkeit oder gar Leerstände gab es nicht. Nachdem sich mitte der 80er Jahre die großen Wohnungsbaugesell-schaften aus der Verantwortung stahlen und die Wohnungen von einer Gesellschaft zur nächsten und schließlich an Einzeleigentümer vermarktet wurden, kippte das soziale Gefüge zunehmend. Heute schiebt man einen riesigen Sanierungsstau vor sich her. Zwangsverwalter versuchen zu retten was möglich ist und wieder eine Perspektive für die Bewohner zu erarbeiten. Viele Menschen haben aufgegeben und sind fortgezogen. Diejenigen die in den Stadtteil ziehen sind meist sozial auffällig und verstärken die Ghettorisierung. Der Leerstand im Punkthochhaus an der Neckarstr. erreichte zeitweise einen Leerstand von 50%, auch in den Blöcken an der Siegstr. stehen ganze Etagen leer.
Zunehmender Vandalismus, Drogenkrimminalität und Gewalt bringen den Stadtteil immer wieder in die Schlagzeilen und führen zu einem negativen Image, das den Abwärtstrend weiter beschleunigte und den Handlungsbedarf offenkundig werden ließ.
Potenziale und Handlungsansätze
Befragungen der Bewohner ergeben immer wieder, dass die Menschen gerne in Hackenbroich leben, den zunehmenden Verfall sehr bedauern. Sie schätzen die Nähe zur Natur und das lockere Miteinander der Bewohner. Das Stadtteilprojekt setzt seit 2001 auf die Beteiligung der Bürger/Akteure im Stadtteil. Schon vor der Auftaktveranstaltung gab es einen Arbeitskreis, der die Probleme diskutierte und nach Lösungen suchte. 1996 wurde das Stadtteilbüro für Jugend- und Sozialhilfe in den Stadtteil verlegt. Auf dem Hintergrund der Verwaltungsstrukturreform mit mehr Bürgernähe und dem Anspruch effizientere Dienstleistungen zu erbringen verstärkte man so die sozialen Hilfen vor Ort. Seit 1986 gab es diese dezentrale Einrichtung schon im Rahmen der Bezirkssozialarbeit. Mit dem gemeinwesen-orientierten Arbeitsansatz legte man erste Grundlagen für die Vernetzung von sozialen Dienstleistern im Stadtteil. Davon profitiert das heutige Stadtteilprojekt im Rahmen der Sozialen Stadt immer noch. Viele sozial engagierte Bürger tragen ihre Ideen und unentgeltliche Arbeitskraft in die Arbeitskreise und beteiligen sich so aktiv am Veränderungsprozess. 2002 wurde der Verein "Aktiv für Hackenbroich e.V." mit dem Ziel, schon frühzeitig selbsttragende Strukturen für die Zeit nach dem Förderzeitraum zu schaffen, gegründet. Heute zählt er über 100 Mitglieder und er wächst weiter.
Das Team des Stadtteilprojektes setzt sich zusammen aus:
- dem Fachbereichsleiter F4 (ehemals persönlicher Referent des Bürgermeisters)
- dem Leiter des Stadtteilbüros für Jugend- und Sozialhilfe (Sozialarbeiter)
- dem Geschäftsführer des Stadtteilvereins (Stadtplaner)
- der Fachkraft für ausländische Bürger (deutsch-türkische Betriebswirtschaftlerin)
- der Fachkraft für Organisation und Verwaltung (Verwaltungsangestellte)
Diese Belegung kennzeichnet schon die Handlungsansätze, die sowohl im Städtebau wie auch im sozialen Bereich liegen. Das soziale und friedliche Miteinander der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen soll gefördert werden. Orte der Begegnung zwischen den Menschen, wie die Bürgermeile als Schnittstelle der Plattenbausiedlung zum dörflich alten Kern, sollen entstehen.
Neben der baulichen Sanierung der Wohnungen und des Wohnumfeldes ist die Weiterentwicklung des Einzelhandels und der Erhalt bzw. die Schaffung von Arbeitsplätzen in Kooperation mit den Gewerbetreibenden/Betrieben und der Agentur für Arbeit wichtige Aufgabe des Stadtteilprojektes.
Organisation und lokale Partner
Die Federführung des Stadtteilprojektes liegt bei der Stadt (Bürgermeister und Fachbereichsleiter) in enger Kooperation mit und Delegation von Aufgaben an das Bürgerbüro/Geschäftstelle des Stadtteilvereins "Aktiv für Hackenbroich".
Wichtige Partner bei der Weiterentwicklung und Umsetzung des städtebaulichen Rahmenplans und des Leitbildes mit den entsprechenden Maßnahmen sind neben den Fachämtern der Stadtverwaltung das Stadt- und Regionalplanungsbüro Dr. Jansen, die Architektengruppe P129, das Werbe-Grafikbüro A. Grintsch und das Landschaftsarchitekturbüro T. Wündrich.
Weitere wichtige Partner sind:
- Mitglieder des Stadtteilvereins
- Mitarbeiter des Stadtteilbüros Jugend- und Sozialhilfe
- Kinder und Jugendtreff St. Katharina
- Ev. Jugendfreizeitstätte
- städtische und konfessionelle Kindergärten des Stadtteils
- Schulen
- Vereine
- Mitglieder der Integrationsbeirates
- Hausverwaltungen/WEG-Beiräte
- Vertreter der lokalen Wirtschaft
- Vertreter der lokalen Medien
- Politische Gremien wie der Bezirksausschuss Hackenbroich-Delhoven, der Jugendhilfeausschuss und der Rat
Neues Marketingkonzept für die städtebaulichen Maßnahmen
Die Design-Agentur Grintsch, schon erfolgreich beim Entwurf des Stadtteilprojektlogos, unterstützt das Stadtteilprojekt "Aktiv für Hackenbroich" jetzt mit einem Marketingkonzept für die Realisierung der städtebaulichen Maßnahmen an den Wohngebäuden der Pletschbachstraße. Der WEG Pletschbachstraße wurde der städtebauliche Rahmenplan und das Leitbild auf der Eigentümerversammlung von Frau Ursula Mölders vom Regional- und Stadtplanungsbüro Jansen und Herrn Psychoga vom Architekturbür P 129 vorgestellt. Jetzt ist es höchste Zeit die Sanierungsvorhaben zu realisieren und die Fördermittel abzurufen. Ansonsten werden die Mittel für Hackenbroicher Bürger verloren gehen und an das Land zurückgezahlt werden müssen. Dabei setzt das Stadtteilprojekt auf professionelle Unterstützung, damit die Eigentümer der Wohnanlagen umfassend informiert sind. "Nur wer alle Informationen hat, kann auch eine zukunftweisende Entscheidung treffen", bekräftigt Roland Hoffmann vom Stadtteilprojekt.
Der Stadtteilverein als Beschäftigungsträger
Aus der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme entwickelten sich erste Beschäftigungsverhältnisse. Sven Krapf, Willi Leinen und Marco Cormaux , letztere zwei auch wohnhaft in Hackenbroich, gehen als Beispiel voran. Sie waren die zuverlässigsten, fachlich und menschlich besten Kräfte der ausgelaufenen ABM. Jetzt verdienen sie sich ganz legal und mit der Agentur für Arbeit abgesprochen, Geld im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben hinzu. “Dies sind keine Reichtümer, aber wir vom Bürgerbüro freuen uns, diese Arbeitskräfte wieder im Boot zu haben”, so Detlev Falke, Geschäftsführer des Vereins “Aktiv für Hackenbroich”. Sie sollen wichtige Vorarbeiten für die Realisierung des Spielplatzes an der Wiedstraße und am Burgplatz durchführen. Dazu gehören neben den Rodungsarbeiten auch die Fertigstellung der Boulefläche und Bodenarbeiten in der Bürgermeile. Willi Leinen ist schon von Anfang an dabei und nutzt die Bürgermeile zum Ausführen seiner Hunde. “Ich habe hier schon viel Schweiß gelassen und freue mich jeden Tag über das Ergebnis unserer Arbeit”, erklärt W. Leinen.





